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Vier Generationen, ein Versprechen und ein Stück Zukunft

Es ist kurz vor sieben Uhr morgens auf dem Borbecker Wochenmarkt.

Die ersten Kundinnen und Kunden schlendern über den Platz, Händler bauen ihre Stände auf, der Duft von frischem Obst, Gemüse und Backwaren liegt in der Luft. Zwischen Kartoffelkisten, Eierpaletten und Honiggläsern steht eine junge Frau, die freundlich lächelt und ihre Ware sortiert.

Mit 32 Jahren gehört Annemarie Schürmann zu den jüngsten Händlerinnen auf den Essener Wochenmärkten.

Neu ist sie trotzdem nicht.

Denn eigentlich begleitet sie der Wochenmarkt schon ihr ganzes Leben.

Der Wochenmarkt lag ihr in den Genen

„Ich bin praktisch auf dem Wochenmarkt groß geworden“, erzählt sie.

Schon ihr Urgroßvater, ihr Großvater und ihr Vater standen auf den Märkten. Während andere Kinder ihr Taschengeld mit Ferienjobs verdienten, half Annemarie schon früh am Verkaufswagen der Familie mit.

„Wir sind einfach mitgefahren und haben mit angepackt.“

Heute führt sie diese Familientradition in der vierten Generation fort.

Gemeinsam mit ihrem Vater Oliver Schürmann, der seit vielen Jahren Obst und Gemüse verkauft, steht sie nun mit einem eigenen Stand auf dem Borbecker Wochenmarkt.

Dort verkauft sie Kartoffeln, Eier, Zwiebeln, Knoblauch und Honig.

Ein mutiger Neuanfang

Eigentlich hatte Annemarie einen ganz anderen Beruf gewählt.

Sie ist ausgebildete Hotelfachfrau und arbeitete viele Jahre in der Gastronomie.

Doch manchmal schreibt das Leben andere Geschichten.

Als die Möglichkeit entstand, den traditionsreichen Kartoffel- und Eierstand der Familie Schmidl zu übernehmen, musste sie nicht lange überlegen.

„Wir sind absolute Familienmenschen. Wenn mein Papa Hilfe braucht, dann hat das für mich oberste Priorität.“

Seit Anfang des Jahres bilden Vater und Tochter ein eingespieltes Team – jeder mit seinem eigenen Stand, aber gemeinsam mit einem Ziel: die Tradition weiterzuführen.

Ein Schatz aus über 40 Jahren Erfahrung

Mit der Übernahme wechselte nicht nur der Verkaufswagen den Besitzer.

Auch ein großes Stück Erfahrung blieb erhalten.

Denn Ernst Schmidl, der den Stand über vier Jahrzehnte geführt hat, ist weiterhin regelmäßig dabei.

Mit seinen 75 Jahren begleitet er den Generationswechsel ganz bewusst.

Nicht, weil er muss.

Sondern weil er möchte.

„Ich freue mich, wenn ich meine Erfahrungen weitergeben kann.“

Und genau das tut er – Tag für Tag.

Er erklärt, woran man eine gute Kartoffel erkennt, welche Sorte sich für welchen Zweck eignet und warum manche Ernte besondere Aufmerksamkeit verlangt.

Vor allem aber kennt er seine Kundinnen und Kunden.

„Wenn jemand zum Stand kommt, weiß Ernst oft schon, welche Kartoffelsorte gekauft wird und in welcher Menge.“

Für Annemarie ist dieses Wissen unbezahlbar.

„Ich schaue mir ganz viel bei ihm ab. Er kennt seine Stammkunden in- und auswendig. Das kann man in keinem Lehrbuch lernen.“

Sechs Kartoffelsorten und unzählige Geschichten

Wer glaubt, Kartoffeln seien einfach Kartoffeln, sollte einmal mit Annemarie sprechen.

An ihrem Stand gibt es gleich mehrere Sorten – von festkochenden Annabelle-Kartoffeln bis zu kleinen Drillingen.

Doch verkauft wird nicht einfach Ware.

Es wird beraten.

„Die Kunden erzählen uns zuerst, was sie kochen möchten. Danach empfehlen wir die passende Kartoffel.“

Kartoffelsalat?

Dann eher eine festkochende Annabelle.

Bratkartoffeln?

Vielleicht eine andere Sorte.

Genau diese persönliche Beratung unterscheidet den Wochenmarkt vom Einkauf im Supermarkt.

Sechs Kartoffeln? Kein Problem.

Während im Supermarkt oft nur große Verpackungen angeboten werden, zählt auf dem Wochenmarkt etwas anderes: Individualität.

„Wenn eine ältere Kundin nur sechs Kartoffeln braucht, bekommt sie auch genau sechs Kartoffeln.“

Dazu vielleicht zwei Zwiebeln und vier Eier.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

„Genau das schätzen unsere Kunden.“

Es ist diese persönliche Betreuung, die den Wochenmarkt seit Generationen besonders macht.

Ein Arbeitstag beginnt um vier Uhr

Romantisch wirkt das Marktleben oft nur für diejenigen, die später einkaufen kommen.

Für Annemarie beginnt der Tag bereits um vier Uhr morgens.

Der Verkaufswagen wird vorbereitet, Ware kontrolliert und anschließend geht es auf den Markt.

Nach Verkaufsende ist der Arbeitstag noch lange nicht vorbei.

Kartoffeln werden sortiert, Zwiebeln geputzt, Eier eingeräumt und neue Ware vorbereitet.

Gerade zu Beginn der Frühkartoffelsaison bedeutet das zusätzliche Arbeit.

„Die ersten Kartoffeln aus Zypern waren voller Erde. Natürlich möchten wir nicht, dass unsere Kunden den halben Acker mit nach Hause nehmen.“

Also wird jede Lieferung sorgfältig vorbereitet.

„Es gehört einfach dazu.“

Der schönste Lohn

Besonders bewegt Annemarie, wie herzlich sie von den langjährigen Kundinnen und Kunden aufgenommen wurde.

Viele kannten den Stand jahrzehntelang nur unter dem Namen Schmidl.

Heute begrüßen sie die junge Händlerin genauso herzlich.

„Ich freue mich unglaublich über das Vertrauen.“

Manche Stammkunden rufen sogar schon einen Tag vorher an.

„Wenn sie wissen, dass unsere großen Eier schnell ausverkauft sind, legen wir ihnen welche zurück.“

Es sind genau diese kleinen Gesten, die den Wochenmarkt zu etwas Besonderem machen.

Wenn Erfahrung auf Zukunft trifft

Für Ernst Schmidl war die Entscheidung, seinen Betrieb an Familie Schürmann zu übergeben, eine Herzensangelegenheit.

Nicht innerhalb der eigenen Familie.

Sondern an Menschen, denen er vertraut.

„Wir haben uns auf dem Markt immer gut verstanden. Deshalb wusste ich, dass der Stand dort in guten Händen ist.“

Auch heute steht er noch regelmäßig hinter dem Verkaufstisch.

Nicht als Chef.

Sondern als Ratgeber.

„Solange ich kann und solange ich gebraucht werde, komme ich gerne.“

Über 100 Jahre Marktgeschichte

Mehr als ein Jahrhundert bestand der Familienbetrieb Schmidl.

Vierzig Jahre davon prägte Ernst selbst den Borbecker Wochenmarkt.

Er hat erlebt, wie Kinder zu Erwachsenen wurden, Familien gewachsen sind und Generationen an seinem Stand einkauften.

„Manche Kunden kenne ich schon, seit ihre Eltern mit ihnen als Kinder hier waren.“

Noch heute fragen viele zuerst:

„Ist der Ernst heute da?“

Diese Verbundenheit macht ihn stolz.

Zukunft braucht Tradition

Der Borbecker Wochenmarkt erzählt mit diesem Stand eine besondere Geschichte.

Eine Geschichte über Vertrauen.

Über Familie.

Über Verantwortung.

Und darüber, dass Erfahrung nicht verloren gehen muss, wenn sie weitergegeben wird.

Während Annemarie neue Ideen, frischen Schwung und ihre Erfahrungen aus der Gastronomie mitbringt, sorgt Ernst dafür, dass das jahrzehntelang gewachsene Wissen erhalten bleibt.

Gemeinsam zeigen sie, dass Tradition und Zukunft kein Widerspruch sind.

Sondern die beste Grundlage für die nächsten Generationen.

Eine Botschaft, die bleibt

Zum Abschluss richten beide noch einige Worte an ihre Kundinnen und Kunden.

Annemarie sagt:

„Ich möchte mich von Herzen bedanken, dass ich so freundlich aufgenommen worden bin. Ich freue mich über jede Begegnung und hoffe, dass wir uns noch viele Jahre auf dem Wochenmarkt sehen.“

Und Ernst ergänzt mit einem Lächeln:

„Es freut mich immer, wenn die Leute fragen: Ist der Ernst da? Solange ich kann, komme ich weiter. Denn der Wochenmarkt war immer ein Teil meines Lebens.“

Vielleicht ist genau das das Geheimnis der Essener Wochenmärkte.

Nicht nur Waren wechseln hier den Besitzer.

Sondern Geschichten.

Erfahrungen.

Und manchmal sogar ein ganzes Lebenswerk.